Winterfeuer Kapitel 13 Ich wurde Anfang März aus dem Sanatorium entlassen nicht geheilt, aber wenigstens stabil. Damit würde ich zufrieden sein müssen. Ich sah zu , wie der Taxifahrer sich ans Steuer setzte und los fuhr und lehnte mich mit einem tiefen Seufzer in den Fond zurück. Endlich nicht mehr Theater spielen. Endlich niemanden mehr täuschen müssen. So elend ich mich auch fühlte, wenigstens das war eine Erleichterung. Das Taxi rollte eine baumgesäumte Landstraße entlang, und ich sah, das die Baumkronen von weißen Blüten übersät waren. Frühling... Die Nacht, in der ich mich im winterlichen Park wiedergefunden hatte, blind am Teich entlang stolpernd, lag beinahe zwei Monate zurück. Beinahe zwei Monate, und beinahe ein ganzes Leben. Eine Woche, bevor ich gehen durfte, hatte ich Frau Meinhardt angerufen; sie kam seit dem Tod meines Vaters einmal in der Woche als Putzfrau zu mir, und ich machte eine heroische Anstrengung, ihr zu erklären, was mit mir passiert war. Sie hörte sich meine stockend vorgebrachte (und selbstverständlich erfundene) Geschichte an, schnalzte ein paar Mal mitfühlend mit der Zunge und machte sich danach mit ihrer Tochter daran, mein Haus auf Vordermann zu bringen. Als ich das Gartentor aufstieß, über den gepflasterten Weg zur Tür ging und aufschloss, kam mir der Geruch gut gelüfteter Räume und Orangenöl-Möbelpolitur entgegen. Alles war sauber und aufgeräumt und spiegelte vor Reinlichkeit. Der Küchenfußboden war auf Hochglanz poliert und der Kühlschrank mit Butter, Käse und kaltem Fleisch bestückt. Nach mehr als vier Monaten muss es verdorbene Lebensmittel gegeben haben, dachte ich, aber Frau Meinhardt war sehr gründlich gewesen, und es gab keinerlei Gestank, sondern nur frische Sauberkeit. Da war auch ein Laib frisches Brot, und die Tonschüssel, die meine Mutter aus einem lang vergangenen Urlaub in Italien mitgebracht hatte, stand auf dem Küchentisch, gefüllt mit Granny Smith-Äpfeln. Eine Tonschüssel mit Juniäpfeln, in einer anderen Küche. Licht, das durch große Fenster hereinfiel und ein sauber geschrubbter Holztisch. Und ein Zauberer mit weißem Bart, der mir gegenüber saß. Eure wahre Heimat ist nicht hier. Wenn Ihr diese Tatsache weiter missachtet, reißt Ihr euch über kurz oder lang selbst in Stücke. Ich zuckte zusammen und starrte einen Augenblick blind ins Leere. Dann sah ich den Zettel mit Frau Meinhardts großer runder Schrift, der auf dem Tisch lag. Liebe Frau Steinenberg! Ich hab die Gardinen gewaschen und alles sauber gemacht. Wenn ich nichts von Ihnen höre, komm ich am Freitag, so wie immer. Ich starrte auf den Wandkalender mit Friesenhäusern, den ich mir jedes Jahr kaufte, seit ich das erste Mal bei meiner Großmutter zu Besuch gewesen war. Heute war Montag. Die ganze Woche erstreckte sich lang und leer vor mir. Außer meiner Putzfrau wusste niemand, dass ich wieder da war. Faith. Ich drehte mich um und ging hinüber ins Arbeitszimmer. Die Platte meines Schreibtisches war wie der Rest des Zimmers makellos sauber, und auf der Lederunterlage, die ich von meinem Vater übernommen hatte, stand der zugeklappte Laptop. Ich öffnete ihn und schaltete ihn ein. Der Bildschirm leuchtete auf; ich setzte mich auf meinen Schreibtischstuhl und ging ins Netz. Ich konnte ihr eine Email schreiben. Ich konnte ihr sagen, dass ich wieder da war, und dass ein Bericht folgen würde, der mein langes Schweigen erklärte. Aber als ich die Unzahl der Nachrichten sah, unter der mein Postfach fast in die Knie ging, verlor ich plötzlich den Mut. Ich wusste, ich hätte jede einzelne anschauen und Hunderte von Antworten geben müssen, aber ich konnte es einfach nicht. Ich schaltete das Laptop ab und blieb einen Augenblick reglos sitzen. Dann stand ich auf und verließ das Zimmer. Neben der Haustür stand noch immer die kleine Reisetasche, die mir eine freundliche Schwester im Sanatorium gekauft hatte. Sie enthielt die Kleidungsstücke zum Wechseln, die sie mir besorgt hatte, etwas Kosmetika, mein geheimes Tagebuch und die Sachen von jenem schicksalhaften Abend. Ich nahm die Tasche und ging die Treppe hinauf ins Schlafzimmer. Das Bett war frisch bezogen; die Patchwork-Tagesdecke meiner Großmutter lag darüber ausgebreitet, und eine kühle Brise blähte die Vorhänge. Ich stellte die Tasche darauf ab und zog den Reißverschluss auf. Ganz oben lag der bunte Pullover, den ich getragen hatte, als ich zu dem Spaziergang aufbrach, der mich nach Mittelerde führte. Ich zog ihn heraus, faltete ihn sauber zusammen und legte ihn in den Schrank. Der Himmel mochte wissen, wann ich ihn jemals wieder anziehen würde; allein der Anblick sorgte dafür, dass sich in meinem Magen ein harter Knoten zusammenzog. Darunter lagen Unterwäsche, zwei Blusen, drei Jeans und ein Paar Hausschuhe, die ich im Sanatorium benutzt hatte. Als ich sie aus der Tasche nahm, rutschte aus einem davon ein kleines, sorgsam zusammengefaltetes Papertütchen. Ich öffnete es und die Kette mit meinem keltischen Kreuz fiel mir entgegen. Den Schmuck hatte man mir abgenommen, als ich bewusstlos in die Klinik eingeliefert worden war; ich hatte ihn völlig vergessen. Da waren auch die beiden großen, breiten Silbercreolen, die mein Vater in einer seltenen Anwandlung von trockenem Humor meine Zigeunerpreziosen genannt hatte. Eine davon rollte über das Bett und ich kroch hinterher. Als ich sie eingesammelt hatte und die Papiertüte wegwerfen wollte, merkte ich, dass ich noch etwas darin befand. Ich schüttelte die Tüte kräftig, und dann lag etwas Schweres, Leuchtendes in meiner Handfläche. Ich starrte ungläubig und spürte, wie mir der Atem stockte. Ein schweres Gewicht schien sich auf meine Brust herabzusenken. Es war der Ring aus Mithril Damrods Ring. Ich verstand es nicht. Jedes einzelne Kleidungsstück, dass ich in Mittelerde getragen hatte, war dort geblieben... aber der Ring war hier. Auf welche Weise? Und wieso? Ich drehte ihn zwischen den Fingern hin und her. Ich habe jahrelang nicht mehr geglaubt, dass ich je eine Frau haben würde, die ihn trägt. Und ich möchte ihn an deiner Hand sehen. Die Erinnerung traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ob er es wohl schon wusste? Und wenn ja wann hatte er es herausgefunden? Als das Haus fertig war, das er für mich vorbereitet hatte? Als er nach Minas Tirith kam, um mich zu holen? Damrod. Ich ließ mich auf die Tagesdecke sinken, den Ring fest an meine Brust gedrückt. Irgendwann schlief ich ein, für ein paar wenige, kostbare Stunden tatsächlich daheim. Als ich wieder erwachte, suchten meine Augen in dem kurzen Moment zwischen Traum und Wirklichkeit instinktiv die grauen Steinmauern und das Spitzbogenfenster meines Zimmers in den Häusern der Heilung. Aber ich sah nur die alt vertraute, fliederfarbene Wand, die ich vor ein paar Jahren mit einer Wickenranke bemalt hatte, und es roch nicht etwa nach Holzfeuer und Kräuteressenzen, sondern nach der Stärke, die Frau Meinhardt für meine Übergardinen verwendet hatte. Den Ring hielt ich immer noch fest. Ich öffnete die Hand und der Stein leuchtete mir in tiefem, ruhigen Grün entgegen. Ich betrachtete ihn, ohne zu blinzeln und den Blick abzuwenden, und erst, als er vor meinen Augen verschwamm, wurde mir klar, dass ich weinte. ***** In den darauf folgenden Wochen versuchte ich, die Fäden meines alten Lebens wieder in die Hand zu nehmen. Ich arbeitete erst einmal nicht mehr für die Zeitung; mein Chefredakteur war sehr freundlich gewesen, erleichtert, dass ich wieder da war und sehr verständnisvoll meinem Bedürfnis nach Erholung gegenüber. Statt dessen fing ich an, die Notizen, die ich im Sanatorium gemacht hatte, in den Computer zu übertragen. Es war ein mühsames Unterfangen; teilweise konnte ich meine eigene, verkrampfte Handschrift nicht richtig lesen. Außerdem musste ich mich jeden Tag aufs Neue zwingen, die Erinnerung wachzurufen... an Stimmen, Worte, an jedes einzelne Ereignis, und das war eine Qual. Manchmal musste ich schon nach zwei kurzen Absätzen aufhören zu schreiben, weil mir die Welt, aus der ich so plötzlich wieder verstoßen worden war, so klar und deutlich vor Augen stand, dass ich es kaum noch aushielt. Und wenn ich ein oder zwei Seiten zustande brachte, war ich anschließend so erschöpft, dass ich mich hinlegen musste und ganze Nachmittage verschlief. Manchmal versuchte ich, mich abzulenken, aber ich musste feststellen, dass es nicht funktionierte. Beispielsweile war ich nicht mehr ohne weiteres imstande, mir Fernsehprogramme anzusehen; die Bilderflut, die lauten Werbeblöcke waren wie ein überwältigender Angriff auf meine Sinne. Politische Tagesereignisse, Nachrichten über Kriege und weltweite Katastrophen rauschten verstörend rasch und eigenartig fremd an mir vorüber. Ich stieg auf das Radio um, aber das machte es auch nicht viel besser. Die ständig gut gelaunten Stimmen der Moderatoren und die Musik zerrten so sehr an meinen Nerven, dass ich irgendwann Fernseher und Radio gar nicht mehr einschaltete. In der ersten Zeit konnte ich nicht einmal meine geliebten, klassischen CDs hören, ohne dass das erste Orchester-fortissimo mich heftig zusammenzucken ließ. Und ich dachte an Damrod. Ich dachte fast ununterbrochen an ihn; ich erinnere mich noch an einen meiner seltenen Ausflüge in die nächstgrößere Stadt, etwas zwei Wochen nach meiner Heimkehr. Es war ein Samstag, und die Straßen waren voller Menschen. Ich befand mich schon wieder auf dem Heimweg, erschöpft und betäubt von dem ungewohnten Gedränge und dem unglaublichen Lärm, als ich plötzlich von einem Mann angerempelt wurde. Er blieb kurz stehen und entschuldigte sich, und ich erhaschte einen Blick auf graue Augen, ein gut geschnittenes Gesicht und dunkles Haar. Er lächelte mir zu, wandte sich ab und ging weiter, und ich blieb stehen, stumm und reglos, während mir das Herz in der Brust raste. In dieser Nacht fing ich an zu träumen. Ich träumte von Begegnungen mit Damrod, von gemeinsamen Nachmittagen, von langen Gesprächen. Ich träumte, dass er mich in den Armen hielt, dass er mich küsste, und endlich auch, dass wir uns liebten und diese Träume waren am schlimmsten. Denn danach erwachte ich von meinem eigenen Schluchzen in einem leeren Bett und in einer anderen Welt, und den Rest der Nacht lag ich hellwach, starrte ins Leere und rang mit dem Schmerz, der mich verschlang und aushöhlte, bis ich mir vorkam wie eine leere Hülle. Tagsüber versuchte ich dann wieder, die Geschichte für Faith fortzusetzen, musste erneut in meine Erinnerungen eintauchen und litt noch mehr. Es war ein Teufelskreis, und es gab kein Entkommen. Ich schlief immer weniger und schrieb immer weniger; irgendwann gab es Tage, an denen ich stundenlang vor dem eingeschalteten Bildschirm saß, ohne ein einziges Wort zu tippen, während der Cursor vor meinen Augen blinkte... an... aus... an... aus... an... aus... Ich gewöhnte mir an, die Freitage mit langen Spaziergängen zu verbringen, um Frau Meinhardt aus dem Weg zu gehen, denn ich fürchtete die Fragen, die sie mir vielleicht stellen würde, wenn sie mein blasses Gesicht sah, die dunklen Ringe unter den Augen, und wenn sie die Tatsache bemerkte, dass das schmal geschnittene Sommerkleid anfing, wie ein Sack an mir herunter zu hängen. Mittlerweile war es Juli geworden; Frau Meinhardt verabschiedete sich mit einem ihrer vertrauten Notizzettel in den jährlichen Familienurlaub an der Nordsee. Ich nahm es beiläufig zur Kenntnis; meine Tage hatten ihre Konturen verloren und verschmolzen zu einer Abfolge von Hell und Dunkel. Die Träume waren unerträglich geworden, und ich träumte nicht mehr nur von Damrod allein. Ich träumte auch wieder von dem Abend nach der Schlacht auf den Pelennorfeldern, und von dem Angriff. Aber diesmal war niemand bei mir, wenn ich erwachte... keine Arme, die mich festhielten, keine liebevolle Stimme, kein warmer Körper, der ein Trost war und ein Schutzschild gegen die Erinnerung. Ich fürchtete mich vor dem Aufstehen, vor dem Versuch, meine Geschichte zu erzählen, vor dem Schlafengehen. Ich fürchtete mich davor, weiterzuleben. Eines Abends kam ich im Wohnzimmer zu mir, ohne eine Ahnung zu haben, womit ich den Tag verbracht hatte. Die Wohnung war stickig, heiß und abgedunkelt. Alle Rollos waren heruntergezogen. Vor mir auf dem Tisch brannte eine Kerze. Daneben stand eine Flasche Wein und ein gefülltes Glas. Direkt neben dem Glas lagen zwei Röhrchen Schlaftabletten. Ich starrte auf das makabre Stilleben und spürte, wie das Entsetzen den dumpfen Nebel durchbrach, in dem ich seit Wochen gelebt hatte. Ein erstickter, wimmernder Laut drang an mein Ohr; es war meine eigene Stimme, und das Geräusch erschreckte mich so sehr, dass ich heftig zusammenzuckte und aufsprang. Der Stuhl fiel um, die Kerze flackerte und ging aus. Ich stolperte die Treppe hinunter, verließ das Haus und schlug die Tür hinter mir zu. Der Himmel hing voller Wolken, und als ich das Gartentor öffnete und auf die Straße trat, zuckte ein gegabelter Blitz durch die Schwärze und die ersten schweren Tropfen prasselten auf den erhitzten Asphalt. Ich blickte zurück auf das leere Haus mit den dunklen Fenstern und spürte, wie mich ein heftiger Schauer überlief. Dann drehte ich mich um und rannte. ***** Ich rannte stadtauswärts, durch stille Wohnstraßen, in denen die Laternen eingeschaltet wurden. Ohne nachzudenken, bog ich in einen Seitenweg ein, der zwischen zwei Hecken auf einen kleinen Platz führte. Mitten auf dem Platz blieb ich stehen. Der Regen durchweichte mein dünnes Sommerkleid und lief mir den Rücken hinunter, und meine leichten Sandalen quietschten vor Nässe. Vor mir befand sich eine kleine Kirche, nicht besonders groß oder eindrucksvoll. Aber sie war erleuchtet, und der Lampenschein fiel durch quadratische Buntglasfenster und malte farbige Spiegelbilder in die Pfützen. Ich setzte mich wieder in Bewegung und ging hinüber. Das Tor war nicht verschlossen, und die Flügel öffneten sich leicht; bevor ich eintrat, sah ich aus dem Augenwinkeln noch eine kleine, schlichte Bronzeplatte mit der Aufschrift St. Agnes. Ich schloss das Tor leise hinter mir, und plötzlich war ich von Stille umgeben. Ein leichter Duft vom Weihrauch der letzten Messe lag in der Luft und mischte sich mit dem Geruch nach warmem Wachs; an der Seitenwand stand eine kleine Heiligenstatue, vor der ein paar Dutzend Kerzen brannten. Links und rechts standen Bänke aus dunklem Holz, und ganz vorne sah ich den rötlichen Schimmer des Ewigen Lichtes. Ich ging zu der Statue hinüber; es war eine Maria mit dem Jesuskind. Sie musste irgendwann in der Barockzeit geschnitzt und bemalt worden sein... sie hatte ein freundliches Gesicht mit rosigen Wangen und geduldigen, blauen Augen, und das Baby in ihren Armen lächelte. Ich ließ mich auf eine der Bänke sinken und schloss die Augen. Das Entsetzen, das ich empfunden hatte, als ich aus meiner Betäubung erwachte und den Wein und die Tabletten vor mir sah, überflutete mich erneut. Mein Gott... um ein Haar hätte ich mir das Leben genommen. Ich halte das nicht länger aus. flüsterte ich. Ich bin am Ende meiner Kraft, ich ertrage es nicht mehr. Wenn das ein Spiel war, dann war es ein grausames Spiel, und ich bin kein Spielzeug. Wie konntest Du mir das antun? Meine Stimme brach, und ich verstummte. Die Madonna sah mich weiterhin geduldig an. Tropfen liefen mir über das Gesicht, und ich war nicht sicher, ob es Tränen waren oder Regenwasser aus meinen triefnassen Haaren. Hinter mir wurde die Kirchentür wieder geöffnet. Ich wandte den Kopf und sah einen Mann ohne Eile durch den Mittelgang gehen. Vor dem Hauptaltar blieb er stehen, beugte das Knie und bekreuzigte sich. Ein Priester. Ich saß ganz still und wagte kaum zu atmen; ich wollte mich nicht bemerkbar machen. Der Mann trat zurück und setzte sich auf die erste Bank. Ich konnte nicht mehr von ihm sehen als einen breiten Rücken und kurz geschnittenes, graumeliertes Haar. Allmählich wurde mir bewusst, wie nass ich wirklich war. Das Kleid klebte durchweicht an meinem Körper, meine Haare hingen mir in dicken, feuchten Strähnen über den Rücken und ich fing an zu frieren... nicht zuletzt wegen des Schocks, der mich noch immer fest im Griff hielt. Vielleicht konnte ich mich heimlich hinaus schleichen; bei dem Gedanken, in mein stickiges leeres Haus zurückzukehren (zurück zu den Tabletten), graute mir, aber ich wusste mir keinen anderen Rat. Ich rutschte aus meiner Bank, aber ich war nur ein paar Meter weit in Richtung Tür gekommen, als ich niesen musste. Das Geräusch klang in der tiefen Stille wie eine Explosion; ich sah, wie der Mann sich jäh aufrichtete und herumfuhr. Hallo? Er stand auf und kam durch den Gang auf mich zu. Er war groß, mehr als einen Kopf größer als ich, und er war nicht mehr jung. Er hatte ein kräftiges, rustikal wirkendes Gesicht mit dichten Brauen über graugrünen Augen, und sein Kinn war von einem sauber und kurz gestutzten Bart bedeckt. Ich hatte keine Ahnung, dass ich nicht allein bin. sagte er freundlich; seine Stimme war warm und tief, mit einem singenden Nachhall wie von einem Cello, und mit einem hörbar fränkischen Dialekt, der sich in den weichen gs und ls bemerkbar machte. Als er mich etwas näher in Augenschein nahm, runzelte er die Stirn. Aber Mädla Sie sind ja nass wie eine ersäufte Katze! Ich verschränkte die Arme vor der Brust und tat mein Bestes, nicht mit den Zähnen zu klappern. S... sind Sie der Priester hier? Nicht ganz. Er lächelte mich an. Ich vertrete ihn für eine Woche; er ist in Urlaub. Ich bin Bruder Anselm, und ich bin Franziskanermönch. Nun betrachtete ich ihn meinerseits etwas genauer. Erst jetzt fiel mir auf, dass er die dunkelbraune Franziskanerkutte mit dem einfachen Strickgürtel trug. Ich möchte nicht aufdringlich sein, unterbrach er meine Gedanken, aber sicher haben Sie einen Grund, warum Sie tropfend in dieser Kirche sitzen. Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Kaum. Es sei denn, er konnte die Grenze zu einer anderen Welt durchbrechen und die Herren oder den Herrn dieses Universums davon überzeugen, mich dort wieder aufzunehmen. Ich denke, eher nicht. sagte ich müde; wieder überlief mich eine Gänsehaut. Ich sollte nach Hause gehen. Sind Sie sicher? Ich sah ihn an, und dann dachte ich an die beiden Tablettenröhrchen auf dem Tisch in meinem Wohnzimmer, und wieder krampfte das Entsetzen seine Faust um mein Herz. Nein. murmelte ich, und dann verschwamm sein Gesicht vor meinen Augen und ich schluchzte auf, versuchte krampfhaft, mich zusammen zu nehmen und nieste erneut. Ach du lieber Himmel! Eine überraschend kräftige Hand legte sich auf meine Schulter. Jetzt kommen Sie erst mal mit, Mädla, und ich schaue, ob ich bei Pfarrer Leonhard nicht etwas Trockenes für Sie zum Anziehen finde. Und dann koche ich Ihnen einen Tee. ***** Eine halbe Stunde später saß ich am Küchentisch in der Wohnung des Pfarrers von St. Agnes, in einen riesigen Bademantel gehüllt, in dessen plüschigen Falten ich fast unterging. Vor mir stand ein großer Becher Tee mit Honig, aus dem wohltuender Dampf aufstieg. Bruder Anselm wirtschaftete neben der Spüle herum, schnitt Brotscheiben ab, belegte sie mit Schinken und Käse und schichtete sie auf einen Teller, den er vor mich auf den Tisch stellte. Dann goss er sich selbst Tee ein und setzte sich mir gegenüber hin. So. sagte er. Und jetzt erzählen Sie mir, was los ist mit Ihnen. Ich starrte in den Tee. Ich weiß nicht, ob ich das kann. sagte ich heiser. Sie werden denken, ich wäre verrückt. Er lehnte sich zurück und lachte leise. Kind, sagte er, ich glaube an einen Mann, der aus fünf Broten und zwei Fischen genügend Essen für Tausende von Menschen machte, der Tote auferweckte und über das Wasser wandeln konnte. Vertrauen Sie mir, mich überrascht so schnell nichts mehr. Ich hob den Kopf. Kennen Sie den Herrn der Ringe? Er nahm einen Schluck Tee. Ja, das tue ich. erwiderte er bedächtig. 1955 veröffentlicht von einem völlig unbekannten Professor in Oxford und mittlerweile das meistverkaufte Buch nach der Bibel. Großartige Geschichte. Und der Film, der letztes Jahr in die Kinos kam, ist auch nicht schlecht. Das kann ich nicht beurteilen. sagte ich. Ich habe ihn nicht gesehen. Aber ich... bitte, Sie müssen mir etwas versprechen. Was? Dass du mich nicht unterbrichst. Und dass du nicht gehst, bevor ich fertig bin. Oh Damrod, mein Geliebter... Dass Sie mir zuhören und versuchen, mir zu glauben. Ich konnte hören, dass meine Stimme schwankte. Versprochen. Und so machte ich mich daran, die Geschichte meiner Odyssee noch einmal zu erzählen. Ich begann bei dem Abend, an dem ich meinen folgenschweren Spaziergang machte und folgte der Chronik der Ereignisse, so sorgfältig ich konnte. Dass ich seit Monaten versuchte, die Geschehnisse für Faith aufzuschreiben, half mir dieses Mal dabei, nicht den Faden zu verlieren. Ich sprach über Minas Tirith, über die Häuser der Heilung, über Ioreth und Mardil. Die Bilder kamen zu mir zurück, farbenfroh und intensiv, und jetzt war es keine Qual mehr, mich ihnen auszuliefern, sondern eine unfassbare Erleichterung. Ich konnte reden, ich durfte reden. Ich sprach über die Schlacht, über Gandalfs Gesicht, als er sich aus dem Sattel zu mir herunterbeugte und über den sterbenden Krieger aus Rohan, und die Worte strömten unaufhaltsam aus mir heraus, von Lachen begleitet, von durchdringender Freude und nicht wenigen Tränen. Und die ganze Zeit hörte er mir zu, die Augen aufmerksam auf mein Gesicht gerichtet; von Zeit zu Zeit stellte er eine Frage, wenn ich eine Pause machte, aber er unterbrach mich nicht. Endlich hatte ich den Tag erreicht, als ich aus dem Sanatorium entlassen wurde, und ich fasste die nebelhaften Wochen, die ihm gefolgt waren, knapp zusammen. Dann verstummte ich, sah zu, wie er mir noch einmal Tee nachgoss und trank, ohne ihn anzusehen. Er schwieg. Er schwieg so lange, dass ich es mit der Angst zu tun bekam. Nun? fragte ich endlich mühsam beherrscht. Glauben Sie mir? Er seufzte. Ich kann sehen, dass Sie es glauben. erwiderte er, die Stirn gerunzelt. Und ich gebe zu, dass man sich eine derart phantastische Erzählung wohl kaum ausdenken kann. Aber... Er zögerte. ... aber Sie hätten gern einen Beweis. Ich weiß nicht, ob ich den gerne hätte. erwiderte er; seine Stimme klang ein wenig schroff. Er schloss die Augen und rieb sich die Stirn. Kind, Sie stellen meine Vorstellung von diesem Universum auf den Kopf. Ich musste lächeln... zum ersten Mal seit Wochen. Versetzt der Gedanke, dass Ihr Schöpfer mehr als eine Welt ins Leben gerufen hat, Sie in Angst und Schrecken? Er lächelte ebenfalls, wenn auch widerwillig. Nein, eigentlich nicht. Aber die Vorstellung ist trotzdem ungewöhnlich. Und... ja, vielleicht hätte ich wirklich gern einen Beweis. Denn, Mädla, wenn Sie sich das alles nur eingebildet haben... Er beugte sich vor und die Augen unter den schweren Brauen bohrten sich in meine. ... dann wäre es besser, Sie hätten den freundlichen Leuten im Sanatorium die Wahrheit gesagt. Denn dann haben Sie ein großes Problem, und dann sollten Sie dringend wieder dorthin zurück, um sich richtig helfen zu lassen. Ich streckte die Hand aus und zog Damrods Ring vom Finger. Kennen Sie jemanden, der Ahnung von Schmuck hat? Er nahm mir den Ring ab und drehte ihn staunend hin und her. Ja... sagte er. Einer meiner Mitbrüder im Konvent war vor seiner Berufung Juwelier und und ist jetzt Kunstsachverständiger für kirchliche Juwelen im Mittelalter. Aber ich weiß nicht, was eine Expertise von ihm beweisen soll... Zeigen Sie ihm den Ring und fragen Sie ihn. sagte ich und nahm einen weiteren Schluck Tee. Und Sie irren sich, Bruder Anselm... selbst wenn ich Ihnen beweisen kann, dass es den Ort, wo ich war, wirklich gibt, habe ich immer noch ein Problem. Denn der Mann, der mir diesen Ring geschenkt hat, ist immer noch dort, und ich glaube nicht, dass ich ihn jemals wiedersehe. ***** Gegen Mitternacht fuhr mich Bruder Anselm in dem klapprigen VW Käfer des Pfarrers nach Hause. Er kam mit hinein und steckte die beiden Röhrchen mit Schlaftabletten in die Tasche seiner Kutte. Die brauchen Sie nicht mehr, Mädla. sagte er ruhig. Heute Nacht werden Sie Ihre Ruhe haben. Und er hatte Recht; mir fielen die Augen zu, sobald mein Kopf das Kissen berührte, und ich schlief traumlos... bis mich gegen acht Uhr morgens stürmisches Klingeln vor Schreck fast aus dem Bett fallen ließ. Heller Sonnenschein sickerte durch die Vorhänge; ich rieb mir die Augen, stand auf, ging zum Haustelefon und hob gähnend den Hörer ab. Wer ist da? Bruder Anselm. kam die muntere, energische Stimme des Franziskanermönches aus der Gegensprechanlage. Ich komme Sie abholen. Wir können zusammen frühstücken, und ich möchte Ihnen etwas zeigen. Schlafen Sie eigentlich nie? Doch, natürlich! sagte er fröhlich. Aber ich habe schon eine Frühmesse in St. Agnes hinter mir. Kommen Sie, ziehen Sie sich an, ich warte so lange hier unten. Ich seufzte gottergeben, nahm eine hastige Dusche, schlüpfte in ein frisches Sommerkleid und Sandalen und schloss zehn Minuten später die Tür hinter mir zu. Er nickte anerkennend, als ich neben ihn auf den Beifahrersitz schlüpfte. Wirklich schnell. bemerkte er. Und hübsch sehen Sie aus. Dürfen Mönche so etwas denn bemerken? Er lachte herzhaft. Mädla, der Herrgott hat uns Augen gegeben, und mit denen dürfen wir schauen wie andere Männer auch! Er warf mir einen Seitenblick zu. Reichlich dünn sind Sie. Und dass Sie sich in Ihrem großen Haus einschließen, tut Ihnen nicht gut. ich finde, Sie brauchen etwas zu tun. Ich starrte ihn an. Und was? Sie haben mir doch erzählt, Sie haben etwas Medizin studiert. Und bei Ihrem... Aufenthalt dort ...drüben haben Sie sich als Krankenpflegerin und Heilerin nützlich gemacht, nicht wahr? Ich nickte. Na wunderbar! Er zwinkerte mir zu, sichtlich zufrieden mit sich selbst. Unser Orden unterhält hier ein kleines Hospiz. Das Ganze bekommt eine regelmäßige Finanzspritze von oben, aber es ist nicht gerade viel. Der Rest stammt aus Spenden und Legaten, und wir können freiwillige Helfer immer brauchen. Krempeln Sie Ihre Ärmel hoch und fangen Sie an! Was für ein Hospiz ist das? fragte ich. Wir haben es für Menschen eingerichtet, die ihre letzten Tage in Würde verbringen wollen. Wir bieten den Angehörigen an, dort zu schlafen, wenn sie möchten, und wir machen es unseren Patienten so leicht wie möglich, diese Welt zu verlassen. Und selbst, wenn sie keine Familie mehr haben, sie sind sie bei uns am Ende nicht allein. Ein Ort zum Sterben? Ich schüttelte den Kopf. Ich weiß nicht, ob ich das will... ich weiß nicht einmal, ob ich das kann. Aber Sie haben es doch schon getan! sagte er gelassen. Wenn Ihre Geschichte stimmt, dann haben Sie den Tod von Menschen schon erlebt, und unter viel dramatischeren Umständen als bei uns. Kindchen, bei uns sterben die Menschen nicht an Verletzungen von einer Schlacht. Bei uns dürfen sie in Frieden gehen, und glauben Sie mir, das ist etwas ganz anderes. Ich weiß nicht... sagte ich wieder. Aber ich weiß. Die weiche Stimme klang plötzlich sehr bestimmt. Mädla, Sie haben sich in den letzten Wochen nur um sich selbst gedreht, und wohin hat Sie das gebracht? Vor einen Wohnzimmertisch mit einem Glas Wein und zwei Röhrchen Schlaftabletten, und dann dank der Güte Gottes in meine Kirche. Es wird Zeit, dass Sie lernen, auch den Schmerz anderer zu sehen, und dazu haben Sie bei uns jede Gelegenheit. Er zwinkerte mir zu, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen. Obendrein braucht man als Hospiz-Mitarbeiterin nur ein paar Kurse, und nicht etwa eine angeschlossene Ausbildung zur Krankenschwester. Ich bin sicher, Sie werden das sehr gut machen. Jetzt schauen Sie sich erst einmal gründlich um, und dann haben Sie ein paar Tage, um darüber nachzudenken. Wie lange? fragte ich, und plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Bis Ihr Mitbruder den Ring begutachtet hat? Seine Augenbrauen stiegen in die Höhe. Ich lachte leise. Ich kann es Ihnen nicht verübeln. Schließlich möchten Sie sicher sein, dass Sie nicht etwa eine Psychopathin auf Ihre Kranken loslassen. Sie sind keine Psychopathin. sagte er ernsthaft. Offen gestanden weiß ich nicht so genau, was Sie sind. Der Wagen hielt vor einem großen, weißen Haus an, vor dem sich eine mit Gänseblümchen übersäte Rasenfläche bis zur Straße hinunter erstreckte. Der Motor erstarb und ich sah den Franziskanermönch an, der mir am vergangenen Abend wahrscheinlich das Leben gerettet hatte einfach, in dem er mir zuhörte. Also gut. sagte ich. ich schaue mich hier um und ich denke darüber nach, und Sie schicken den Ring an den Bruder in Ihrem Konvent. Danach dürfen Sie immer noch das Sanatorium anrufen, wenn Sie es für nötig halten. Abgemacht. Er zog den Zündschlüssel ab. Und jetzt gehen wir frühstücken. ***** Beinahe zwei Wochen später saß ich mit Silja, einer achtzehnjährigen Patientin des Hospizes, in dem kleinen Aufenthaltsraum, der auf den hinteren Garten hinaus sah; wir spielten Mensch-ärgere-dich-nicht. Silja war zerbrechlich schlank, bildhübsch und fröhlich, und sie hatte Lymphdrüsenkrebs im Endstadium. Dies war einer ihrer guten Tage, so dass sie das Bett verlassen konnte, und sie freute sich darüber wie ein Kind. Gerade hatte sie zum dritten Mal erfolgreich verhindert, dass ich meine letzte Figur in Sicherheit brachte, und sie lachte laut auf, während ich theatralisch stöhnte und mir mit der Hand vor die Stirn schlug. Dabei fiel mein Blick auf Bruder Anselm, der in der Tür stand und mich beobachtete. Kommen Sie bitte! formten seine Lippen lautlos. Du hast gewonnen, Silja. sagte ich. So wie du würfelst, bekomme ich kein Bein mehr auf den Boden. Außerdem möchte Bruder Anselm irgend etwas von mir. Aber wir spielen noch eine Runde, ja? Gewiss doch. Ich stand auf und tätschelte die knochige Schulter unter dem dicken Bademantel. Und ob wir das tun... damit du mich endgültig schlachten kannst, meine Süße. Silja kicherte entzückt und ich schnitt ihr eine Grimasse, als ich an ihr vorbeiging. Bruder Anselm eilte mir voraus in sein kleines Büro. Als ich neben seinem Schreibtisch stand, ging er zur Tür und schloss sie ab. Was soll das werden? Ich musterte ihn verblüfft. Er betrachtete mich mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck. Bruder Valentin hat angerufen. sagte er. Ich starrte ihn immer noch verständnislos an. Der Juwelier. fügte er hinzu. Der Kunstsachverständige. Der Ring. Damrods Ring. Aha. Ich spürte, wie das Herz in meiner Brust plötzlich schwerer schlug... vor Erwartung? Vor Angst? Was, wenn Arwen sich nun geirrt hatte? Und? Was sagt er? Bruder Anselm holte tief Luft, und jetzt sah ich, dass er unter seiner gesunden Sonnenbräune merkwürdig blass war. Er sagt, dass er das Metall nicht identifizieren kann. erklärte er. Er sagt, es hat eine Dichte wie mehrfach gefalteter Stahl, nur viel härter, und er kennt kein Edelmetall auf dieser Erde, das sich so verhält. Er hat sogar versucht, es mit einem Diamanten zu zerkratzen, aber der hat keinerlei Spuren hinterlassen. Den Edelstein hält er wegen seines Gewichts und seiner Härte für einen Turmalin, obwohl er meint, er hätte noch nie einen in einem solchen Grün in der Hand gehabt, und auch noch nie auf diese Weise geschliffen. Als er über die Fassung und die Schmiedearbeit der Ringschiene gesprochen hat, hat er vor Aufregung gestottert. Der Mönch fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er meint, in seiner ganzen Laufbahn hat er noch nie ein Schmuckstück von derartiger Kunstfertigkeit gesehen. Er würde den Ring am liebsten behalten, um ihn noch gründlicher zu untersuchen. Und er will unbedingt mit Ihnen reden. Nein. sagte ich entschieden. Nein zu beidem. Woraus ist er gemacht? fragte Bruder Anselm; der fassungslose Ausdruck in seinen Augen wäre höchst amüsant gewesen, hätte der Kummer, den ich in diesem Moment empfand, nicht so schwer gewogen. Aus Mithril. sagte ich. Der Großvater von Damrod hat ihn in einer Zwergenwerkstatt anfertigen lassen, und zuletzt hat ihn Damrods Mutter getragen. Und ich bekam ihn als seine zukünftige Frau. Ich straffte den Rücken. Sagen Sie Bruder Valentin bitte, ich will ihn schnell zurück. Bruder Anselm starrte mich immer noch an. Ich möchte mich entschuldigen. sagte er langsam. Ich habe gewusst, dass Sie das, was Sie mir erzählt haben, für die Wahrheit hielten. Aber jetzt herauszufinden, dass es wirklich die Wahrheit ist... Sein Adamsapfel hüpfte heftig auf und nieder, als er schluckte. Wie gesagt, Mädla. Er lächelte schwach. Sie stellen meine Welt auf den Kopf. Sie ahnen ja nicht, wie viele Fragen ich habe. Und ich werde sie alle beantworten, wenn ich kann. sagte ich. Bei einem Glas Wein, wenn Sie möchten, und meinetwegen auch bei einer ganzen Flasche. Aber jetzt gehe ich zurück zu Silja, damit sie mich bei unserer nächsten Partie Mensch-ärgere-dich-nicht schlagen kann. Ich wandte mich zur Tür, aber seine Stimme hielt mich auf. Bleiben Sie? Ich drehte mich noch einmal zu ihm um und lächelte. Natürlich bleibe ich. Als ob Sie das nicht von Anfang an gewusst hätten! ***** Zwei Jahre später Wieso musst du das Bild unbedingt in der Eingangshalle aufhängen? Weil es mir gefällt. Bruder Anselm grinste. Und weil es dorthin gehört. Ich starrte ihn kampflustig über den dunklen Holzrahmen hinweg an. Nur über meine Leiche. sagte ich finster. Ich hänge mir das Bild ins Wohnzimmer; das reicht völlig aus, um meine Eitelkeit zu befriedigen. Wenn ich irgendwann nicht mehr hier bin, dann kannst du damit machen, was du willst. Er lachte. Einverstanden, Mädla. Haben wir morgen viele Besucher-Familien? Drei. Ich kann sie durch das Haus führen, wenn du möchtest. Fein. Ich werde mich heute ein bisschen um die Mutter von Patrick Schweitzer kümmern müssen. Der Junge hält sich prächtig, aber sie macht es ihm unnötig schwer. Danke, dass du mir den Rücken freihältst. Ich nahm das Bild, das Anlass für diesen Streit gewesen war und trug es die Treppe hoch nach oben. Im Dachgeschoss angekommen, schloss ich die Tür auf und stand in meiner Wohnung; drei lichtdurchflutetete Zimmer mit schrägen Wänden, eine schmale Küche, eine kleine, in das Dach hineingebaute Terrasse mit genügend Platz für einen Tisch, ein paar Stühle und ein paar Blumentöpfe. Ich lehnte das Bild an die Wand, blieb einen Moment stehen und schaute mich um, als sähe ich mein Refugium zum ersten Mal. Als Bruder Anselm damals in seinem Büro gesagt hatte, ich würde seine Welt auf den Kopf stellen, da hatte er zweifellos Recht gehabt. Aber für mich galt das selbe. Nachdem ich mich einmal entschieden hatte, im Hospiz zu arbeiten, hatte ich sämtliche Kurse absolviert und vier Monate später meinen Dienst angetreten. Ich war Ansprechpartnerin für die Familien, half im Büro und kümmerte mich um die Patienten. Die eigentliche, medizinische Versorgung blieb dabei den drei Krankenschwestern und dem Arzt überlassen; aber was darüber hinausging, war meine Aufgabe, und die des guten Dutzend freiwilliger Helfer, die sich ebenfalls für das Hospiz engagierten. Es lag in der Natur der Sache, dass unsere Gäste uns nicht gesund und geheilt wieder verließen, aber ich lernte, damit umzugehen. Und Bruder Anselm hatte Recht gehabt: es war gut, über meinen Schmerz hinauszusehen. Er hatte seine Fragen gestellt, und wir hatten viele Abende damit verbracht, dass ich erzählte, und dass er mir zuhörte. Die Schilderungen meiner Erlebnisse waren eine endlose Quelle der Faszination für ihn; er wollte einfach alles wissen, und ich war glücklich, darüber zu reden. Endlich gelang es mir auch, den Bericht an Faith fertig zu stellen; ich fügte ein Photo der Narbe auf meinem Arm und ein Bild von Damrods Ring hinzu, ebenso wie die Expertise von Bruder Valentin (der im übrigen so lange keine Ruhe gab, bis ich im Sommer des ersten Jahres eine Urlaubswoche in Franken verbrachte und ihn im Konvent besuchte. Die Erinnerung an sein Gesicht, als er erfuhr, aus welchem Material der Ring gemacht war, brachte mich noch Monate später zum Schmunzeln). Faith kam nach Deutschland, nachdem sie den Bericht erhalten hatte vermutlich aus Besorgnis um meinen Geisteszustand und dass sie diesen Aufwand auf sich nahm, rührte mich sehr und bewies mir, wie sehr sie mich schätzte. Sie blieb zwei Wochen, am Ende ebenso überzeugt wie Bruder Anselm und Bruder Valentin; seitdem tauschten wir wieder regelmäßig Emails und Briefe aus, und unser Kontakt wurde noch enger und herzlicher als zuvor. Im Frühling des zweiten Jahres wäre es um ein Haar zur Schließung des Hospizes gekommen. Ich erfuhr von Bruder Anselm , dass der Orden das Haus nur angemietet hatte, und jetzt wollte der Besitzer sich davon trennen. Unglücklicherweise konnte der Orden nicht genügend Geld zur Verfügung stellen, um den geforderten Preis zu zahlen: eine Spendenaktion, die wir mit Hilfe der Zeitung ins Leben riefen, half zwar ein wenig, aber es reichte nicht. Einmal im Jahr traf ich mich mit dem Rechtsanwalt meines Vaters, der mein Erbe für mich verwaltete. Mit meinem 25. Geburtstag fiel mir eine stattliche Summe zu, die meine Tante mir hinterlassen hatte, und angesichts der Tatsache, was ich Bruder Anselm und dem Hospiz zu verdanken hatte, fasste ich einen Entschluss. Ich verkaufte das Haus, in dem ich bisher gelebt hatte, an den Arzt, der Vaters Praxis nach seinem Tod übernommen hatte. Der junge Internist war begeistert; er hatte vor zwei Jahren geheiratet und wünschte sich eine große Familie, und für die war in dem Haus wahrhaftig Platz genug. Ich verbrachte einen erschöpfenden Monat damit, auszusortieren, was ich nicht mehr brauchte. Ich nahm nur meine Lieblingsmöbel, ein Portrait meiner Mutter, ein paar andere, kleine Erinnerungsstücke und meine Bücher mit; alles, was übrig blieb, wurde ebenfalls verkauft. Mein Rechtsanwalt setzte einen Vertrag auf und baute eine Klausel ein, die mit ein Wohnrecht in der kleinen Mansarde unter dem Dach des Hospizhauses zusicherte; der Erlös aus dem Verkauf von Möbeln und anderen Gegenständen, die ich nicht mehr haben wollte, sowie ein Teil vom Erbe meiner Tante wurden dafür verwendet, die Mansarde zu einer hübschen Wohnung auszubauen (Der Anwalt kannte mich, seit ich ein Kind war, und ich brauchte Wochen , um ihn davon zu überzeugen, dass ich wuste, was ich tat). Dort lebte ich jetzt, und es war ein gutes Leben. Ich hatte viel zu tun, und ich hatte Freunde unter den Helfern und den Schwestern im Hospiz. Sie alle bildeten das Rückgrat, das mich hielt; die stille Atmosphäre dieses Ortes und der gemächliche Rhythmus, der ihn zu einer Oase in der Hektik der Stadt machte, schenkten mir einen gewissen Frieden. Und wenn die Erinnerungen mich doch zu schwer bedrängten, war immer jemand da... nicht zuletzt Bruder Anselm, der im Laufe der Zeit für mich geworden war, was mein Vater nicht hatte sein können. Ich vertraute ihm völlig; ich wusste, mein seltsames Geheimnis war bei dem Franziskanermönch gut aufgehoben. Es war spät, und der Tag war arbeitsreich gewesen; ich zog Damrods Ring vom Finger, legte ihn auf den Nachttisch und schlüpfte ins Bett. Die Worte, die ich jetzt sagte, hatte ich in den letzten zwei Jahren so oft wiederholt, dass sie zu einer Meditation geworden waren, zu einer Beschwörung... oder wohl doch eher wenn man bedachte, wem ich ein Gutteil meiner Heilung verdankte zu einem Gebet. Möge deine Nacht gesegnet sein, mein Liebster. Ich wünsche dir Frieden und ein geheiltes Herz. Denk an mich mit Freude und Dankbarkeit, so wie ich an dich denke. Ich segne die Zeit, die wir zusammen haben durften. Ich werde dich nie vergessen. Ich schloss die Augen und schlief ein. Und ich träumte. ***** Ich stand in einem hohen, hellen Raum. Überall waren große Fenster, und als ich hinüberging und aus einem davon hinausschaute, sah ich die Weiße Stadt und die grünen Wogen des Pelennor, der sich im kühlen Sonnenlicht eines Vormittags bis zum Horizont erstreckte. Plötzlich waren hinter mir Stimmen zu hören, und als ich mich umdrehte, kamen Faramir und Damrod zur Tür herein. In meinem Traum war ich nicht im geringsten überrascht, sie zu sehen. ... und dann hat er mir noch zwanzig Stuten geschickt. sagte Faramir gerade lachend. Wieso denkt König Éomer, ich hätte nichts anderes im Kopf als Pferde? Ich stand auf, verneigte mich und lachte ebenfalls. Weil er nichts anderes im Kopf hat, mein Fürst. sagte ich. Und Ihr dürft Éowyn nicht vergessen. Sie liebt Pferde mindestens ebenso. Oh, ich weiß! warf Damrod ein. Ich werde nie vergessen, wie die Weiße Herrin mein Weib rufen ließ, kurz bevor Euer Sohn er nickte dem Fürsten von Ithilien zu auf die Welt kam. Ich dachte, sie sollte bei der Geburt helfen. Er kam zu mir herüber, küsste mich auf die Wange und schlang einen Arm um meine Taille. Ich schaute hinunter auf die gebräunte Hand, die sich schützend auf meinen deutlich gewölbten Bauch legte. In diesem Moment spürte ich die Bewegung in meinem Inneren, kraftvoll und überraschend, und Damrod lachte entzückt. Endlich! sagte er. Wie lebendig er ist! Er? Ich musterte ihn mit leichtem Spott, und er biss sich auf die Lippen, ein Lachen in den Augen. Du bist zurückgekommen, platzend vor Stolz, und du hast auch tatsächlich von einer Geburt berichtet. Aber erst, als du angefangen hast, von ,Nüstern und, Vorderbeinen zu reden, habe ich begriffen, dass du geholfen hast, ein Fohlen auf die Welt zu bringen! Ich hatte schon angefangen, mich zu wundern... Es war die Lieblingsstute meiner Frau. erklärte Faramir grinsend. Und es wird Zeit, dass wir nach Hause kommen. Éowyn beschwert sich, dass sie in Minas Tirith nicht richtig reiten kann. Für dich wird es auch Zeit. sagte Damrod, und wieder legte er die Hand auf meinen Bauch. Mir ist lieber, unser S... das Kind kommt in unserem Haus zur Welt. Fühlst du dich auch wohl? Gewiß! sagte ich, hob den Kopf und küsste ihn. Mein Liebster, mir ist es nie besser gegangen. ***** Ich lag hellwach im Dunkeln, und ich spürte den Nachhall des Traumes bis in die Fingerspitzen. Instinktiv legte ich beide Hände auf meinen Bauch; er war ebenso flach wie zuvor. Fühlt es sich so an? dachte ich staunend. Ist es so, wenn man ein Kind erwartet? Damrod und ich hatten uns oft genug geliebt und ich hatte nichts getan, um eine Empfängnis zu verhindern. Ich war einfach nicht schwanger geworden, und wenn ich an die fürchterliche Zeit nach meiner Rückkehr dachte, war ich dankbar dafür. Aber in meinem Traum hatte ich ein Kind getragen; die Erinnerung an die unfassbar lebendige Bewegung in meinem Inneren und an Damrods Hand auf meinem Bauch jagte mir einen Schauer über den Rücken. So lebendig. So wirklich. Was bedeutete das? Hatte ich gesehen, was gewesen wäre, wenn ich die Chance gehabt hätte zu bleiben? Oder... hatte ich einen Blick auf etwas werfen dürfen, das noch kam? Bei diesem Gedanken setzte ich mich auf und stieg aus dem Bett. Vor ein paar Tagen hatte ich zum ersten Mal wieder ein Buch von Tolkien in die Hand genommen, seine gesammelten Briefe, die Korrespondenz vieler Jahre. Es war seltsam gewesen, zu sehen, wie er die Geschichte im Austausch mit anderen analysierte und von allen Seiten betrachtete, als sei sie wirklich nicht mehr als eine wenn auch außergewöhnliche Erzählung. In einem der Briefe hatte ich den Versuch einer Erklärung gefunden, warum Frodo die Erlaubnis erhielt, in die Unsterblichenlande zu segeln. Arwen war es, die diese Erlaubnis erwirkte: ihr Verzicht und ihr Leiden waren mit Frodos Schicksal verwandt und verknüpft, schrieb Tolkien, Beide waren sie Teil eines Planes zur Erneuerung der Menschen. Ihre Bitte konnte daher besonders wirksam sein, und für ihren Plan sprach eine gewisse Billigkeit des Austausches. Ohne Zweifel war Gandalf die Autorität, die ihrer Bitte stattgab.* Gandalf, der Mittelerde inzwischen verlassen hatte, an Bord des selben Schiffes, mit dem auch Frodo gesegelt war. Die Zeitachse zwischen seiner Welt und der unsrigen mochte um ein paar Monate verschoben sein (ich hatte Mittelerde im Sommer verlassen und mich nach der Rückkehr im Winter wiedergefunden), aber die Zeitabstände waren die selben. Vier Monate hatte ich in Minas Tirith gelebt, vier Monate war ich verschwunden gewesen. Frodo war inzwischen ziemlich sicher auf Tol Eressëa, und Gandalf ebenfalls. Gandalf. Der Maia, der mich davor gewarnt hatte, mich aus Liebe selbst in Stücke zu reißen. Gandalf, die Autorität, die Arwens Bitte stattgab, den Ringträger an ihrer Statt mitzunehmen. Gebt uns Hoffnung hatte er zu mir gesagt, als er von mir wissen wollte, ob Frodos Mission eine Chance hatte. Wird Minas Tirith noch stehen, um diesen Sieg zu erleben? hatte er gefragt, als Rohan in Gondors größter Bedrängnis auf sich warten ließ. Ich nahm Damrods Ring vom Nachttisch und steckte ihn an meinen Finger. Dann ging ich ans Fenster und öffnete es. Kalte Luft überflutete mich, drang durch mein Nachthemd und überzog meine Arme und Beine mit einer Gänsehaut. Ich will nicht in den Westen, Herr. sagte ich leise in die Nacht hinein. So groß ist mein Ehrgeiz nicht, und ich habe auch nichts getan, um das zu verdienen. Aber ich habe eine Bitte, Herr. Wenn Ihr erlauben könnt, dass ein Hobbit nein, drei Hobbits ihre Füße auf Tol Eressëa setzen, könnt Ihr dann nicht die Herrscher den Herrscher Eurer Welt davon überzeugen, die Grenze nach Mittelerde für mich zu öffnen? Nur noch einmal? Oh bitte... lasst mich nach Hause gehen. Ich schloss die Augen und spürte die Tiefe meiner Sehnsucht, ungemildert von dem Frieden, den ich mir in zwei Jahren hart erkämpft hatte. Ich bitte Euch, Herr. Ich habe Euch Hoffnung gegeben, als Ihr sie gebraucht habt. Jetzt gebt mir welche zurück. Ich will nach Hause. Und mein Zuhause war nicht mehr hier. ***** Ist meine Geschichte zu Ende? Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich es nie wissen. Vielleicht werde ich noch als alte Frau, den Rücken gebeugt von der Last der Jahre, jeden Morgen aus Träumen erwachen, die von einer anderen Welt erzählen. Ich weiß es nicht. Mein Verstand rät mir, zufrieden zu sein mit dem, was ich hatte und habe. Es gibt weiß Gott Menschen, die weniger glücklich sind als ich. Ich bin gesund und ich habe eine Aufgabe, die mich ausfüllt. Ich habe kostbare Erinnerungen. Viele haben weder das eine noch das andere. Aber mein Herz... ... mein Herz ist voll von Bildern, mein Herz klammert sich an Träume und ist nur zu bereit, sie für bare Münze zu nehmen. Mit den Augen des Herzens sehe ich mich auf den Pelennorfeldern stehen; wieder sind sie von den Wunden des Krieges geheilt und bewachsen mit früchteschweren Obstbäumen und Weizen, reif zur Ernte. Ich sehe die strahlenden Mauern der Weißen Stadt vor mir,und vom höchsten Turm flattert das Banner des großen Königs und seiner lieblichen Königin. Und irgendwo wartest du auf mich... Im Garten von Gondor lebt mein Geliebter, der Mann, zu dem ich gehöre. Mein Herz erinnert sich an deine Stimme und mein Körper an die Berührung deiner Hände. Ich werde dich immer lieben. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf. '
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