Winterfeuer
von Cúthalion

Epilog 1:
Ein Zeitungsartikel

Zeitungsartikel vom 2. Oktober 2003

Das Rätsel Sabrina Steinenberg

Von Brigitta Schmitz

Das Gemälde hängt in der Eingangshalle des Franziskaner-Hospizes; es ist etwa fünfzig Zentimeter hoch und vierzig Zentimeter breit, auf Leinwand gemalt. Es zeigt eine Frau, die an einem Schreibtisch sitzt. Eine Hand liegt entspannt auf der Arbeitsplatte; der Mittelfinger ist mit einem ungewöhnlichen Ring geschmückt. Das silberfarbene Metall sieht aus, als sei es natürlich gewachsen und nicht geschmiedet und es leuchtet von innen heraus; der Edelstein ist wie grünes Feuer... unglaublich, dass es sich nur um Farbtupfer auf Leinwand handelt.

Die Frau hat langes, kupferrotes Haar; ein dick geflochtener, glänzender Zopf hängt über ihre Schulter. Ihre Augen sind grün und fast zu groß für ihr schmales Gesicht. Ein leichtes Lächeln umspielt den vollen Mund, aber die Augen sind traurig und sie sieht nicht so aus, als würde sie oft lächeln.

„Das hat eine der Schwestern unseres Hospizes gemalt.“ sagt eine Stimme hinter mir. Bruder Anselm Bräuning, der Leiter des Hospizes, stellt sich neben mich, eine hohe, ein wenig massige Gestalt in seiner Franziskanerkutte. „Vor etwa einem halben Jahr.“

Das Bild zeigt Sabrina Steinenberg. Bis vor zwei Jahren hat sie regelmäßig für unsere Zeitung geschrieben. Es waren gute Artikel, sorgfältig recherchiert, manche davon spannend, andere mit einer guten Portion Humor. Freunde hatte sie keine, jedenfalls keine engen Freunde. Eher die Sorte, mit der man mal einen Kaffee trinken geht oder eine Party feiert... wobei Sabrina Steinenberg nicht der Typ Frau war, die gerne auf Parties ging. Sie war ein Bücherwurm, still, freundlich, ein wenig verschlossen und mit einem gewissen, ironischen Witz.

Dann, von einem Tag auf den anderen, war sie spurlos verschwunden. Sie antwortete weder auf Telefonanrufe noch auf Emails. Es war, als würde sie nicht mehr existieren. Nach zwei Monaten gab die Redaktion eine Vermisstenanzeige auf, nachdem es keine Verwandten mehr gab (und keine Freunde), die das hätten tun können.

Zwei weitere Monate später war sie plötzlich wieder da. Sie befand sich in einem Sanatorium außerhalb der Stadt; scheinbar hatte man sie nachts im Stadtpark aufgefunden, verwirrt, in Panik und ohne jede Erinnerung daran, wo sie gewesen war.

Sie erholte sich, aber sie schrieb nie wieder für die Zeitung. Statt dessen machte sie ein Jahr später auf andere Weise von sich reden. Sie verkaufte ihr Elternhaus und spendete den Erlös für den Kauf eines Hospizes, in dem sie in der Folgezeit mitarbeitete.

„Sie hat ein Händchen für die Patienten.“ sagt Bruder Anselm, als er einen Kaffee serviert. „Sie liest ihnen vor, unterhält sie mit Geschichten und schafft es, dass auch die ängstlichsten Verwandten zur Ruhe kommen. Sie bringt eine Tugend mit, die in dieser Zeit nicht mehr viele haben; sie kann schweigen und zuhören. Manchmal hat man den Eindruck, dass sie eine Atmosphäre der Stille um sich verbreitet.“

Die Frage, ob Sabrina Steinenberg glücklich war, bereitet dem Mönch sichtliches Kopfzerbrechen.

„Ob sie glücklich war, kann ich nicht sagen.“ meint er. „Ich denke, dass die verlorenen Monate vor zwei Jahren sie tief geprägt und verunsichert haben. Die Frage, ob sie zufrieden und ausgeglichen war, lässt sich leichter mit ,Ja’ beantworten.“

Dass es Bruder Anselm ist, der die Frage beantworten muss und dass Sabrina Steinenberg nicht selbst etwas zu ihrem Befinden sagen kann, liegt daran, dass sie vor exakt einer Woche zum zweiten Mal verschwunden ist. Sie machte sich am Abend des 27. September auf den Weg zu einem Spaziergang; die Schwester, die Feierabend hatte und gleichzeitig mit ihr das Haus verließ, sagt, sie hätte sie in Richtung Stadtpark gehen sehen. Bruder Anselm sagt, er hätte bis Mitternacht auf sie gewartet und am nächsten Morgen die Polizei verständigt.

Nein, unruhig oder aufgewühlt sei sie nicht gewesen, sondern gelassen und normal. Beim Abendessen, sagt Bruder Anselm, habe er noch mit ihr und den anderen Mitarbeitern die Planung des nächsten Tages besprochen. Danach sei er zur Abendmesse nach St. Agnes gegangen, und seitdem hat er sie nicht mehr gesehen.

Bevor ich gehe, stehe ich noch einmal vor dem Bild und versuche, in dem ruhigen Gesicht mit den undurchdringlichen Augen zu lesen.

Wo sie wohl gewesen ist in den fehlenden Monaten, die jetzt schon zwei Jahre zurückliegen? Scheinbar hat sie ihr Gedächtnis nie wirklich wiedererlangt, und es gab eine dauerhafte, schmerzhafte Lücke von vier Monaten in ihrem Leben. Und wo ist sie jetzt? Ist sie entführt worden - was allerdings kaum vorstellbar ist, denn bisher hat niemand Forderungen gestellt - oder ist sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen? Hat sie einem plötzlichen Impuls nachgegeben und ist verreist? Falls ja, dann aber, ohne auch nur ein einziges Kleidungsstück mitzunehmen, außer den Sachen, die sie am Leibe trug, als sie verschwand.

Das Rätsel lässt sich nur lösen, wenn sie zurückkommt und erklärt, was mit ihr passiert ist - falls sie denn ein zweites Mal zurückkommt.

Wo ist Sabrina Steinenberg?


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